Tag der Taucher

27. November 2020 1 Von Günther Knoll

Vormittage im November sind ein Glücksspiel, wenn du Vögel beobachten willst.  9.30 Uhr  am Mitteldamm, der den Ismaninger Speichersee in ein westliches und östliches Becken trennt.  Der Nebel verhindert gute Sicht und dämpft auch die zu dieser Jahreszeit ohnehin schwachen Vogelrufe. Ausgenommen die der Graugäsne, die können offenbar ohne Lärm nicht fliegen. Daneben aber sind aber heute auch die Stimmen anderer Gänse zu hören, weniger silbenreich und etwas höher. Die Vögel landen auf den Agrarflächen südlich des Sees. Sie auszumachen, dauert, erst einmal laufen die Linsen am Glas und auch am Spektiv an, dann wabert es grau und feucht vor den Augen, nur Silhouetten sind wahrnehmbar.

Allmählich wird die Sicht besser, ja, es sind Blässgänse, 41 zähle ich am Rand eines Ackers., unverwechselbar wegen ihres weißen Flecks über dem Schnabel und den schwarzen Bändern am Bauch. Diese Tiere, die im hohen Norden und Osten zuhause sind,  lassen sich im Winter auch bei uns immer wieder beobachten, auf dem Zug zu einer Rast oder auch bei einem längeren Aufenthalt, solange kein Schnee liegt und der Boden tief gefroren ist.

Zaunkönige und  Wintergoldhähnchen huschen nah an mir vorbei durchs Gebüsch, jetzt muss ich aber erst einmal die Wasserflächen abschauen.  Kaum habe ich  mein Spektiv  am Rand des Westbeckens aufgestellt, sehe ich schon mit bloßem Auge einen Rothalstaucher direkt vor mir, ein guter Anfang, ehe es auf die Suche nach Raritäten unter den  tausenden von Enten und Blässhühnern geht.  Am Rand schwimmen Zwergtaucher, die sich schon durch ihre trillernden Rufe verraten.  Auch viele Haubentaucher haben sich den See als Winterdomizil ausgesucht, zumindest solange er nicht gefriert.

In den großen Schwärmen der Wasservögel dominieren farbenfrohe Kolbenenten, die früher hier ausgesprochen selten waren. Auch kleinere  Trupps von Schellenten sind zu sehen und zu hören durch ihre näselnden Rufe. Wer sich näher mit Enten befassen will, der sollte es zu dieser Jahreszeit tun, wenn  die Männchen ihr frisches Prachtkleid angelegt haben. So sind die einzelen Arten gut zu unterscheiden. Löffelenten mit ihren unverwechselbarn Schnäbeln,  Pfeif-, Schnatter-, Tafel-  und Reiherenten und natürlich Stockenten. Dazwischen schwimmen auch einige deutlich kleinere Krickenten und sogar einzelne Spießenten mit ihren langen Schwanzfedern. Mit viel Geduld und etwas Glück lassen sich auch Seltenheiten finden.  „Entenfieseln“ nennt diese Suche ein Freund, doch sie kann sich lohnen. Immerhin sehe ich eine heute Eisente, einen seltenen Gast aus dem Norden, die nur kurz auszumachen ist, weil sie immer wieder nach Nahrung taucht.

Auffällig sind auch die Schwarzhalstaucher mit ihren roten Augen. Bei einem sehe ich genauer hin,weil mir seine Gestalt anders vorkommt.  Ja, er hat eine ganz flache Stirn, keinen spitzen Scheitel und an den Wangen ein ausgedehntes Weiß.  Es ist  ein Ohrentaucher, der im Schlichtkleid  nicht leicht  vom ähnlichen Schwarzhalstaucher zu unterscheiden ist. Weiter geht die Suche im Ostbecken, auch da viele Enten, Gänse, Kormorane und dazu Höckerschwäne, noch mit diesjährigen graufarbenen Jungen.

Weit draußen finde ich dann einsam einen größeren Vogel. Es ist kein Kormoran, sondern ein Prachttaucher,  der im  Norden brütet und hauptsächlich auf dem Meer überwintert. Alljährlich aber landen einige Expemplare in der kalten Jahreszeit auch auf unseren  oberbayerischen Gewässern. Auffallend ist der große weiße Fleck auf den hinteren Flanken. Inzwischen ist die Sonne ein wenig herausgekommen, der Nebel lichtet sich. Der Prachttaucher lässt sich ausführlich beoachten, wie er  in aller Ruhe mit seinem starken dolchartigen Schnabel das Gefieder pflegt. Kälte und Nebel von vorhin sind vergessen, der Ausflug hat sich rentiert.